Compliance und Whistleblowing

Häufig wundern sich Außenstehende über die Ausmaße der Skandale, die Firmen oder auch Krankenhäuser auslösen. Berichte über jahrelang illegale Praktiken, deren Vertuschung und den oft schwerwiegenden Patientenschäden verunsichern die Bevölkerung. Der besorgte Bürger und potentielle Patient frägt sich zurecht, wie konnten so viele Menschen nichts davon gewusst haben oder weggeschaut haben.

Zwei Fallbeispiele aus der Krankenversorgung

Beispiel 1: Krankenpfleger Niels H. wird in den Medien bereits als größter Serienmörder Deutschlands seit Weltkriegsende eingestuft. Er hat vermutlich bei bis zu 200 Patienten, unter anderem mit dem Medikament Ajmalin eine tödliche Herzrythmusstörung ausgelöst, um sich dann als „brutaler Rettungs-Rambo“ bei der Reanimation hervorzutun. Obwohl vielen Mitarbeitern lange schon ein ungutes Gefühl bei diesen seriellen Vorfällen überkam, wurden keine konsequenten Schritte der Aufklärung unternommen. Niels H. wurde nahegelegt den Arbeitsplatz zu wechseln und er konnte in der nächsten Klinik weiter morden, bis eine anwesende, aufmerksame Krankenschwester bei einem erneuten Vorfall selbst Nachforschungen unternahm und Blutproben testen ließ. Erst aufgrund dieses nun begründeten Verdachts wurden polizeiliche Ermittlungen in Gang gesetzt. Neben all den bis heute aufgedeckten Fällen ist es das Verhalten der Kollegen und Vorgesetzten, die vielfachen Vorfälle nicht aufzuklären, das nicht begreiflich ist. „Die Strafkammer stellte fest, dass die Zeugen „gemauert“ hätten und „ihre tatsächlichen Gedanken bezüglich des Angeklagten stark zurückhielten“. Warum stoppte niemand Niels Högel? sowie Fall des Klinikmörders bekommt neue Dimension

Beispiel 2: Einen ebenfalls aufsehenerregenden Skandal rief die Aufdeckung hervor, dass in der Universitätsklinik Mannheim vermutlich über mindestens 7 Jahre verschmutztes OP-Besteck verwendet wurde. Dabei wurde auf die hygienischen Missstände durch interne Mitarbeitermeldungen bereits früh aufmerksam gemacht. Es wurden jedoch keine Konsequenzen gezogen. Selbst die klinikinterne Krankenhaushygiene habe gewarnt, „dass bei der Aufbereitung von Instrumentarium zurzeit erhebliche Mängel bestehen, die eine direkte Patientengefährdung bedingen können“. Schon 2007 habe das Regierungspräsidium in Karlsruhe die Zustände in einem internen Bericht kritisiert. Erst die Weitergabe der Informationen über diese Zustände an die Presse habe zu klaren Konsequenzen geführt, die weit in die politische Ebene hineinreichten. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/uni-klinik-mannheim-mehr-infektionen-als-bekannt-a-1033911.html

Welche Rolle spielt in solchen Extremfällen das Compliance-Management?
Was hat dies mit Hierarchie, Loyalität sowie blindem Gehorsam zu tun?
Welche Rolle spielt dabei der Whistleblower?

Whistleblower sind eine „letzte“ Informationsquelle, um für die Organisation fatale Compliance-Risiken und Regelverstöße zu erkennen und zu korrigieren. Whistleblower werden jedoch häufig mit Denunzianten gleichgesetzt und als Nestbeschmutzer und Verräter tituliert. Ihnen wird Illoyalität gegenüber den Kollegen und Vorgesetzten und dem Unternehmen vorgeworfen. Dabei ist das Verständnis von Loyalität oft ein falsches. Hier sollte man zwischen einer kritischen Loyalität und einer unkritischen, bedingungslosen, gehorsamen Loyalität unterscheiden. Während Loyalität ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Kollegenschaft ist, bedeutet dies noch lange nicht, das Wegsehen bei oder Ignorieren illegaler Praktiken. Vorrangig ist jeder Mitarbeitender dem Patienten „zur Loyalität“ verpflichtet, erst in zweiter Linie den Vorgesetzten und Kollegen. Ein weiteres Missverständnis liegt in der Annahme, dass ein Whistleblower stets zur Presse geht. Häufig haben Whistleblower bereits intern aktiv versucht Dinge zu verändern. Aufgrund fehlender Konsequenzen fühlten sie sich zunehmend frustriert sowie alleine gelassen und wandten sich mehr in einem Akt der Verzweiflung mit ihren Informationen an die Presse.

Gerade deshalb macht es Sinn, ein Compliance-Management einzurichten, in der ein strukturiertes Whistleblowing mittels eines regelhaften Prozesses definiert und praktiziert wird. Nachdem interne Meldewege ausgeschöpft wurden, sollte die Möglichkeit bestehen, sich mit seinem Anliegen anonym an eine vertrauliche, externe und unabhängige Vertrauensperson oder Einrichtung zu wenden, z. B. an eine externe Ombudsperson oder eine thematisch versierte Rechtsanwaltkanzlei.

Eine lesenswerte Lektüre bietet hier das Buch von Mark Hertsgaard „Die Aufrechten, Whistleblowing in der Ära Snowden“. Der Autor arbeitet darin an den persönlichen Schicksalen von John Crane, einem ehemaligen Top-Beamten des Pentagon und Assistant Inspector General des US-Verteidigungsministeriums und dem Whistleblower Thomas Drake, die Geschichte auf, wie das Versagen interner Kontrollen dazu geführt hat, dass Melder von Missständen drangsaliert und schikaniert wurden. Es fand geradezu eine „Hexenjagd“ auf den Melder statt, anstatt die Missstände aufzuklären. Edward Snowden hatte aufgrund dieser Geschichte seine eigenen Lehren daraus gezogen und sich bekannter Weise direkt an die Weltöffentlichkeit gewandt.

„Im Land der Schatten ist die Wahrheit eine Lüge“, Tom Drake – Eine deutliche Warnung vom Veteranen der Whistleblower.

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